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Trauer um Gudrun Schliebener

Vorsitzende des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.) verstorben

"Völlig überraschend verstarb am 22. Februar 2020 im Alter von 75 Jahren die Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.), Gudrun Schliebener.

Ihr Leben lang trat sie für die Rechte derer ein, die aufgrund ihrer besonderen Verletzlichkeit und Empfindsamkeit leiden und – oft gemeinsam mit ihren Angehörigen – von Stigmatisierung, Ausgrenzung und Marginalisierung betroffen sind. Gudrun Schliebener wollte eigentlich Naturwissenschaftlerin werden, doch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD der 1960er Jahre wiesen die junge Mutter aus dem Hörsaal. Um für sich und ihr Kind zu sorgen, nahm sie einen Job in einem Industrieunternehmen an. Sie erlebte die Benachteiligungen, die einer Familie zugemutet wurden, die nicht den gängigen Erwartungen entsprach. Sie engagierte sich in der Kommunalpolitik ihrer Heimatstadt Herford und trat der CDU bei. Mit ihrer klaren Haltung, ihrem Nonkonformismus und ihrer Parteinahme für die Benachteiligten in der Gesellschaft hätte sie genauso gut eine Heldin der 68er Generation werden können. Mit großer Ernsthaftigkeit nahm sie die berufliche Herausforderung an – sie stieg mit den Jahren in eine verantwortliche Position des Managements auf – und widmete sich zugleich ihren bürgerschaftlichen und politischen Aktivitäten. Sie saß in zahlreichen Gremien, war Mitglied des Kreistags, Vorsitzende des Kreissozialausschusses, hoch geschätzt über alle Parteigrenzen wegen ihres Einsatzes und ihrer ausgewiesenen Kompetenz.

Als Herford vor 40 Jahren zu einem Brennpunkt der Psychiatriereform wurde, sah man sie in der noch jungen Bewegung der Angehörigen. Sie initiierte eine Reihe von gemeindepsychiatrischen Vereinen und begleitete kritisch den Aufbau der ersten Dienste. Maßgeblich trug sie gegen manche Widerstände zur Errichtung einer psychiatrischen Fachabteilung am Klinikum Herford bei. Dem Vorstand des Landesverbandes der Angehörigen in NRW gehörte sie seit seiner Gründung 1993 an, wurde später Landesvorsitzende und 2008 zur Vorsitzenden des Bundesverbandes gewählt.

In ihrem Wirken verband Gudrun Schliebener persönliche Erfahrung, politische Klugheit, Mut und Konfliktfähigkeit mit der Fähigkeit zu Kompromissen. Sie kämpfte gegen Vorurteile bei den professionellen Experten und in der Politik. Sie wollte die Randständigkeit der betroffenen Familien überwinden, nicht als Bittsteller im Sozialstaat auftreten, sondern ihre Rechte als Beteiligte einfordern. Angehöriger sein ist eine passive Eigenschaft, die sich niemand aussuchen kann. Dagegen setzte Gudrun Schliebener den Begriff der „Familienselbsthilfe“, um sichtbar zu machen, welchen Beitrag Eltern, Geschwister, (Ehe-) Partner, andere Verwandte und Freunde im Zusammenleben mit einem psychisch Erkrankten für Zusammenhalt und Sicherheit in der Gesellschaft leisten.

Als Bundesvorsitzende vertrat Gudrun Schliebener den BApK bei Anhörungen zur Gesetzgebung, bei der Erstellung von fachlichen Leitlinien und in vielen sozialpolitischen Initiativen, von denen die wichtigsten hier aufgeführt seien: Sie war stellvertretende Sprecherin des „Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit“, einem Netzwerk von über 115 Verbänden und Institutionen, sie war akkreditierte Vertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der über den Leistungsumfang der Krankenkassen entscheidet, sie war die Stimme der Angehörigen im Trialog-Forum der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und im Verbändedialog des Bundesgesundheitsministeriums zur Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung, sie arbeitete in der Steuerungsgruppe des Projektes „Wie Wohnen“, einem Kooperationsprojekt der Aktion Psychisch Kranke e. V. (APK), der Charité Berlin, des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf sowie der Universität Hamburg zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen im psychiatrischen Hilfesystem, sie sprach auf dem Armutskongress 2019 in Berlin.

Trotz dieser enormen Fülle von Aufgaben nahm sie weiterhin ihre bürgerschaftlichen Aktivitäten vor Ort ernst – im Verwaltungsrat des Kreisklinikums, in den Vereinen, in der persönlichen Beratung Betroffener und in der Auseinandersetzung mit den Absurditäten und Unzulänglichkeiten der institutionellen Versorgung.

Ihre Sache war der Schutz der Menschenwürde und im Eintreten für diese Sache war sie unermüdlich und schonte sich nicht. Der Tod ereilte sie während einer Dienstreise. Ihre Familie und ihre Freunde hinterlässt sie in tiefem Schmerz. Die Bewegung der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hat in ihr eine große Fürsprecherin verloren. Die sich für eine menschenwürdige psychiatrische Versorgung in Deutschland einsetzen, haben mit Gudrun Schliebener eine herausragende und hochverdiente Persönlichkeit verloren, die mit ihrer geradlinigen, unerschrockenen Haltung, ihrer Leidenschaft, ihrem Gespür für Gerechtigkeit, ihrem Einsatz für die Rechte der Schwächsten, aber auch mit ihrem Humor und ihrer Fähigkeit zur Selbstironie ein Vorbild gewesen ist."

Dr. med. Friedrich Leidinger
für den Vorstand des BApK e. V.

Diesen Nachruf auf Frau Schliebener finden Sie auf den Seiten des Bundesverbands unter https://www.bapk.de/der-bapk/vorstand/gudrun-schliebener/nachruf-und-erinnerung.html

 

Mit freundlicher Unterstützung

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